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Kommt der Kiwi nach Wellington zurück?

Während Neuseeland seinen neuen Plan verkündet, das Aussterben des Kiwis zu verhindern, sind die Einwohner von Wellington längst einen Schritt weiter. In Neuseelands Hauptstadt gibt es einen neuen Trend: Statt Kaffee und Kunst rettet man nun Kiwis.

Wie das geht? Man stellt Fallen im eigenen Garten auf und macht so den Feinden des Kiwi, also Ratten, Wieseln und Hermelinen, das Leben schwer. So uncool das zunächst klingt: Allein in Wellington gibt es inzwischen mehr als 70 Gruppen, die sich freiwillig in ihrer Freizeit für die Bekämpfung von Schädlingen engagieren. Das große Ziel: Wellington soll die erste Raubtier-freie Hauptstadt der Welt werden und wieder wie früher ein Paradies für einheimische Vögel sein.

Der Saddleback, der Hihi und der Kaka sollen genauso in die Gärten und Parks von Wellington zurückkehren wie der Kakariki und das Nordinsel-Rotkehlchen.

Den Startschuss gab 1999 das Umweltschutzprojekt “Zealandia”, das ein 225 Hektar großes Areal auf dem Stadtgebiet komplett umzäunte und so vor eingeschleppten Feinden schützte. Seitdem sind viele einheimische Vögel in die Vororte zurückgekehrt, und die Einwohner von Wellington haben ihre gefiederten Freunde mit Freude begrüßt.

Die Freiwilligengruppen sind Teil einer echten Bewegung: Immer mehr Umweltschutz-Initiativen gründen sich in den Gemeinden Neuseelands und erreichen fantastische Ergebnisse. Wo es früher als außergewöhnlich galt, einen einzigen Kaka in der Abgeschiedenheit der Berge zu sichten, kann man heute buchstäblich hunderte von ihnen im ganzen Stadtgebiet sehen, wie sie kreischend herumfliegen.

Vogel-Freund Paul Ward fühlte sich durch dieses wiedererstarkte Vogelkonzert zu größeren Taten ermutigt: Nun will er mit seinen Mitstreitern auch den fast ausgestorbenen, nachtaktiven Kiwi zurück nach Wellington bringen. „Die meisten Neuseeländer kennen ihren Nationalvogel nur noch aus dem Zoo, das kann nicht richtig sein“, meint Ward.

Der flugunfähige, scheue Vogel wurde in Wellington seit über 100 Jahren nicht mehr gesichtet. Er hat hier seinen Lebensraum verloren und wird von Raubtieren bedroht. Das ambitionierte Projekt “Capital Kiwi” will nun die Vögel innerhalb des nächsten Jahrzehnts zurück in die Region locken.

Der erste Schritt dafür sind etwa 4400 Fallen, die auf 23 000 Hektar öffentlichem und privatem Land aufgestellt werden. Das Areal erstreckt sich von den Stadträndern bis zur Küste.

So lange sich Wiesel, Frettchen und Hermeline in Wellington herumtreiben, hat der Kiwi kaum eine Chance, erfolgreich zu brüten und seine Jungen aufzuziehen. Etwa 27 Kiwis sterben täglich durch eingeschleppte Raubtiere, schätzt der Verein „Kiwis for kiwi“, der lokale Initiativen im ganzen Land unterstützt. Geht das so weiter, könnte der Kiwi noch zu Lebzeiten unserer Generation vom neuseeländischen Festland verschwinden.

Aber Schutzprojekte auf Rakiura/Stewart Island, an den Whangarei Heads im Norden und in Whakatane in der Bay of Plenty haben gezeigt, dass es mit Einbeziehung der Menschen als Wächter („kaitiaki“) möglich ist, eine wild lebende Kiwi-Population zu erhalten.

Die größte Herausforderung für Kiwi-Schützer besteht darin, Menschen für etwas zu begeistern, das sie selbst nicht sehen und nur selten erleben können. Kiwis sind nachtaktiv und leben meist weitab von Städten und Ortschaften. „Indem wir den Kiwi näher dorthin bringen, wo die Menschen leben, rücken wir ihn ins Zentrum der Aufmerksamkeit”, erklärt Michelle Impey von “Kiwis for kiwi”. “Wenn der Kiwi wieder in der Nachbarschaft der Leute lebt, wird er relevant für sie und weckt ihren Beschützerinstinkt. Die Leute sind stolz darauf, dass wieder Kiwis auf oder nahe ihrem Land leben”, berichtet sie.

Das neue Projekt soll also eine “Stadt von Kiwi-Schützern“ erzeugen, die sich mit dem Vogel persönlich verbunden fühlen. Im August 2018 verkündete die Regierung mit ihrer Initiative “Predator Free 2050” die Unterstützung für „Capital Kiwi“ und will in den nächsten fünf Jahren mehr als 3,2 Millionen Neuseeland-Dollar für das Projekt zur Verfügung stellen.

Kritischen Stimmen, die das zu teuer finden, entgegnet Paul Ward: “Was wird es kosten, wenn wir nichts tun?” Können es sich die Neuseeländer, die sich selbst Kiwis nennen, leisten, ihren Nationalvogel aussterben zu lassen? Was würde das über sie und ihr Selbstverständnis als Wächter ihres so besonderen und einzigartigen Landes aussagen?

Der 90-jährige Ted Smith lebt in der Ortschaft Makara nahe Wellington und half beim Start des Projekts im November 2018. Zusammen mit seinen Nachbarn stellte er die ersten Fallen bereits vor zehn Jahren auf, was zu einem bemerkenswerten Zuwachs an einheimischem Tierleben führte – neben Singvögeln wie Tui, Kaka und Kereru kehrten auch Pukeko, Kingfisher, Wachteln und andere Arten zurück. “Wenn wir zulassen, dass der Kiwi ausstirbt, dann stehen wir weltweit als Idioten da,“ sagt Ted lapidar.

Die Wellingtonians lieben die Idee von Kiwis, die künftig nachts durch ihre Gärten tapsen könnten. Paul Ward ist überwältigt von der breiten Unterstützung, die er von der Gemeinde erfährt. Sein Projekt „Capital Kiwi” hat hunderte von E-Mails mit Angeboten zur Hilfe bekommen. Schulkinder kümmern sich jetzt darum, Beobachtungstunnel zu prüfen, Mountainbiker und Wanderer checken in der Mittagspause Fangdrähte im Wald und Familien treffen sich, um gemeinsam Fallen zu bauen.

Wenn die Ausrottung eingeschleppter Raubtiere nach drei Jahren erfolgreich war, wird das Department of Conservation Kiwis in den Hügeln rund um die Stadt aussetzen. Alle hoffen, dass man dann in weniger als zehn Jahren auf Spaziergängen in den Randgebieten von Wellington auf Kiwis treffen wird. Die Einwohner werden dann stolz die Ohren spitzen, wenn sie die schrillen Rufe des Kiwi nachts in ihren Vorgärten hören.

Auch Wellingtons Bürgermeister ist Feuer und Flamme für das Projekt: “Ich würde liebend gern nachts vom Ruf eines Kiwi geweckt werden“, schwärmt Justin Lester. Das würde Wellington als coolste kleine Hauptstadt der Welt mit Sicherheit noch ein ganzes Stück cooler machen.

(Jenny Menzel)

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