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Jacinda Ardern: Neuseelands Krisenmanagerin führt das Land souverän durch die Corona-Krise

Erst ein Terrorangriff, dann ein Vulkanausbruch, nun das Coronavirus. Seit Jacinda Ardern Neuseeland regiert, muss die 39-Jährige eine Krise nach der anderen überstehen. In der Pandemie führt die Sozialdemokratin der Welt erneut vor, wie Führung geht. Dank ihres raschen Handelns könnte Neuseeland als erstes Land wieder „virenfrei“ werden.

Die Coronakrise verlangt Politikern fast unmögliche Entscheidungen ab. Je mehr sie das Land in den Ausnahmezustand versetzen – Ausgangssperren verhängen, Schulen schließen, Fabriken lahmlegen – umso mehr Menschen verlieren ihre Arbeit, die Wirtschaft stürzt in eine Rezession. Die Alternative ist jedoch der Tod tausender Menschen und der Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

Ob Jacinda Arderns Weg der richtige ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Doch sicher ist schon jetzt, dass Ardern am schnellsten von allen westlichen Regierungschefs handelte. Als Neuseeland am 14. März gerade mal sechs bestätigte Covid-19-Fälle hat, verkündet die Politikerin, dass jeder, der nach Neuseeland einreisen möchte, zwei Wochen in Selbstisolation muss. Am 19. März, als die Zahl der Infizierten auf 28 klettert, riegelt Ardern Neuseeland ab. Seitdem dürfen bis auf Weiteres keine Ausländer mehr in den Inselstaat.

„Lockdown“ trotz weniger Covid-19-Fälle

Wenige Tage später – inzwischen haben etwas über 100 Menschen positiv getestet – bereitet sie ihr Land bereits auf den „Lockdown“ vor. Vom 25. März an sollen alle Neuseeländer vier Wochen zu Hause bleiben. Schulen, Universitäten, Restaurants und die meisten Geschäfte sind seitdem geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Nur Supermärkte, Tankstellen, Apotheken und Krankenhäuser bleiben geöffnet.

Die Entscheidung scheint harsch, doch Experten wie David Skegg, ein emeritierter Professor für Epidemiologie an der Universität von Otago, stehen hinter der Premierministerin. „Wir könnten das Virus in den nächsten Wochen effektiv beseitigen“, so der Forscher. „Wir könnten eines der wenigen Länder der Erde sein, die normal funktionieren.“ Die meisten Länder hätten der Öffentlichkeit „viel zu spät“ befohlen, zu Hause zu bleiben, erklärt der Experte vor einem parlamentarischen Ausschuss.

Ausgangssperre per SMS aufs Handy

Zwar haben sich nicht alle Neuseeländer an die harten Regeln gehalten, selbst der Gesundheitsminister wurde beim Strandspaziergang mit seiner Familie „erwischt“, doch die Mehrheit scheint die derzeitigen Bestimmungen zu befolgen. Dies hat auch mit der Kommunikation und der Motivation zu tun, die Ardern ihrem Volk seit Wochen zuteil werden lässt. So hat ihre Regierung die Bevölkerung von Anfang an klar und verständlich über die geplanten Schritte informiert und stets auch die Gründe genannt, warum diese notwendig sind. Die geplante Ausgangssperre beispielsweise wird über ein sogenanntes „Alert System” kommuniziert, das die Unterschiede von einem Level zum nächsten klar dargestellt.

Die vierwöchige Ausgangssperre kündigt Ardern am 23. März an: In einer Pressekonferenz tritt sie mit einer sorgfältig ausgearbeiteten Rede an und nimmt sich im Anschluss ausführlich Zeit für Medienfragen. Ihre Hauptbotschaft: „Wir haben die Möglichkeit, zu Hause zu bleiben, die Übertragungskette zu durchbrechen und Leben zu retten – so einfach ist das.“ Zwei Tage später startet „Alert Level 4“ offiziell. Zur Erinnerung erhält jeder Neuseeländer eine SMS aufs Handy: „Wo Sie heute Nacht sind, müssen Sie bis auf Weiteres bleiben.“

„Bleiben Sie stark und bleiben Sie freundlich“

Seitdem kommuniziert Ardern regelmäßig mit ihrem Volk. „Die tägliche Pressekonferenz um 13 Uhr ist zum Jour Fixe für meine Familie geworden“, kommentiert eine deutsche Auswanderin beispielsweise in einem Artikel des NZ Herald. Sie würde den rationalen, auf Fakten basierenden Ansatz der Premierministerin schätzen. Neben Informationen zum Coronavirus und wirtschaftlichen Hilfsprogrammen, nimmt sich Ardern aber auch Zeit für die mentale Gesundheit ihres Volkes.

So gibt sie eine Pressekonferenz nur für Kinder. Ein anderes Mal interviewt sie einen Psychologen, um Tipps einzuholen, wie Teenager die Zeit am besten bewerkstelligen können. Vor Ostern erklärt sie den Osterhasen für „systemrelevant“ und veröffentlicht ein Ostereier-Bild zum Ausmalen, das die Kinder ins Fenster hängen sollen. Ab und zu meldet sie sich auch von zu Hause beim Volk und sagt über ihren Facebook-Feed „Hallo“. Sie spricht über das, was Menschen in dieser Zeit schwer fällt und gesteht dabei ein, was ihr selbst Probleme bereitet. „Ich vermisse andere Menschen.“ Immer wieder spricht sie auch Mut zu und fordert zum Zusammenhalt auf: „Bleiben Sie stark und bleiben Sie freundlich“, ist ihre Parole.

Empathie gepaart mit raschem Handeln

„Indem sie die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, anerkennt – vom unterbrochenen Familien- und Arbeitsleben bis hin zu den Menschen, die nicht an den Beerdigungen ihrer Angehörigen teilnehmen können – zeigt sie Empathie für das, was uns abverlangt wird“, schreibt Suze Wilson, eine Forscherin der neuseeländischen Massey Universität in einem wissenschaftlichen Aufsatz für „The Conversation“.

Jene Empathie gepaart mit raschem Handeln brachte ihr bereits letztes Jahr nach der Terrorattacke mit über 50 Toten auf zwei Moscheen in Christchurch weltweites Lob ein. Auch damals zeigte sie Mitgefühl, umarmte die Angehörigen der Opfer und zeigte sich solidarisch, in dem sie Kopftuch trug. Zur gleichen Zeit setzte sie aber auch ein Verbot von halbautomatischen Waffen und Sturmgewehren durch – die Waffen, mit denen der Attentäter die Menschen beim Gebet ermordete.

Neuseeland könnte das Virus besiegen

Auch während der Covid-19-Pandemie sind es diese Eigenschaften der Premierministerin, die viele in ihrem Land zu schätzen wissen. Ob Neuseeland durch Arderns schnelles und rigoroses Handels das erste Land werden wird, das das Coronavirus besiegt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Die bisherigen Zahlen sprechen jedoch dafür. Neuinfektionen sind seit Tagen rückläufig. Von den etwas über 1000 Menschen, die inzwischen positiv testeten, sind weniger als zehn Patienten gestorben. Kein Krankenhaus ist bisher überlastet. Den Dank dafür will Ardern aber nicht annehmen, sie reicht ihn an ihr Volk weiter: „Zur Halbzeit (Anm.: der Ausgangssperre) kann ich ohne zu zögern sagen, dass das, was die Neuseeländer in den letzten zwei Wochen getan haben, enorm ist“, sagte sie während einer ihrer Ansprachen vergangene Woche. „Sie haben die Entscheidung getroffen, dass wir uns gegenseitig schützen können. Das haben Sie getan und damit Leben gerettet.“

Barbara Barkhausen, Sydney

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