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Jäger versus Naturschützer: erbitterter Streit in Neuseeland über Bergziegen

Lake_Pukaki_tahr_sculpture CREDIT: portengaround Wikimedia Commons
Der Tahr ist eine Bergziege, die normalerweise im Himalaya heimisch ist. Seit 1904 lebt der Tahr aber auch in Neuseeland, und es geht ihm dort blendend. Er ernährt sich vom Tussock-Gras, das weite Teile des alpinen Hochlands der Südinsel überzieht und eine ikonische Pflanze Neuseelands ist.

Der einheimischen Natur tut es naheliegenderweise nicht gut, wenn Spezies aus anderen Ökosystemen sich dort breitmachen; das gilt besonders für die empfindlichen alpinen Regionen im Westland Tai Poutini National Park und rund um den Aoraki Mount Cook, den höchsten Berg Neuseelands. In Neuseeland lebten ursprünglich gar keine pflanzenfressenden Huftiere, weder Pflanzen- noch Tierwelt sind an diese Arten angepasst.

Um sie zu schützen, wurde bereits 1993 ein Plan aufgestellt, der die Bestände der Bergziegen gezielt kontrollieren und beschränken soll: der „Tahr Control Plan“. Damals war das dringendste Problem, zunächst einmal herauszufinden, wie viele Tahr-Ziegen denn überhaupt inzwischen in Neuseeland lebten.

Es sollte fast 30 Jahre dauern, bis das neuseeländische Umweltschutzministerium DOC endlich zur Tat schritt und beschloss, die Bestände der Tahr-Ziegen deutlich zu reduzieren: Maximal 10.000 Tiere sollen in Zukunft auf öffentlichem geschützten Land leben dürfen. Aus den Nationalparks der Südinsel sollen sie ganz verschwinden. Eine komplette Ausrottung des Tahr wird vom DOC ausdrücklich nicht angestrebt, dieses Ziel wird als unrealistisch eingeschätzt.

Von den etwa 35.000 Tahren, die derzeit auf DOC-Land leben, wurden im vergangenen Jahr mehr als 7000 Tiere getötet, vorrangig aus Helikoptern. In der kommenden Saison ab Ende September sollen wieder 7500 Tahre getötet werden. Anders als in den Jahren zuvor werden nun auch männliche Ziegen abgeschossen, die bisher als begehrte Trophäen für die Jagd-Industrie übriggelassen wurden.

Das entschiedene Vorgehen des DOC wird vor allem von der Interessengruppe der Jäger heftig kritisiert – sogar der Oberste Gerichtshof Neuseelands musste bereits eine Klage der Tahr Foundation anhören, die einen sofortigen Stopp der Keulung forderte. Das Urteil des Richters war ein salomonisches: Das DOC wurde verurteilt, seine Entscheidung besser zu begründen und der Tahr Foundation Gelegenheit zum Widerspruch zu geben, nicht aber sie zu revidieren.

Die Jäger protestieren nicht aus Tierliebe. Der Tahr wurde in Neuseeland einzig zu dem Zweck eingeführt, ihn zu jagen – und zwar ausdrücklich als Freizeitaktivität. Inzwischen hat sich dieses Hobby zahlreicher Neuseeländer zu einem lukrativen Wirtschaftszweig entwickelt. Touristen und Einheimische gehen gern auf teure Jagdausflüge, an denen nicht nur die Jäger, sondern auch Shuttle-Betreiber, Helikopter-Besitzer, Anbieter von Unterkünften und natürlich die Waffen-Industrie mitverdienen.

Die Tahr-Lobby beruft sich auf dringende wirtschaftliche Interessen. Neuseeland ist das einzige Land weltweit, in dem so viele Tahre leben, dass sie gejagt werden können. Ihr Wert für die Wirtschaft wird mit jährlich 103 Millionen Neuseelanddollar beziffert. Sollten die Bestände auf unter 24 000 Tiere fallen, fürchten die Tahr-Jäger eine unzumutbare Einschränkung ihrer Aktivitäten.

Die Empörung über die Ausrottung einer Tierart klingt in den Ohren von Naturschützern allerdings hohl, wenn gleichzeitig bedrohte einheimische Arten durch gezielt eingeführte Arten aus anderen Ökosystemen an den Rand des Aussterbens gebracht oder ausgerottet wurden. Der National Parks Act verlangt vom DOC sogar ausdrücklich, exotische Tierarten so weit wie möglich auszurotten – womit sich die Behörde komplett im Rahmen des geltenden Rechts bewegt und weiteren Klagen der Tahr Foundation ohne Sorgen entgegensehen kann.

Die Proteste gegen die Tahr-Tötungen werden trotzdem weitergehen. Eine Petition (es ist nicht die erste) gegen die „Ausrottung“ des Tahr fand mehr als 50 000 Unterstützer. Eine Spendenaktion gegen die Regierungsmaßnahme brachte in nur zwei Wochen 140 000 NZD ein, Demonstrationen und Protestmärsche sind angekündigt und in den sozialen Medien vergleichen die Tahr-Jäger ihre „Schützlinge“ mit den Opfern der Christchurch-Attacken vom März 2019, indem sie die Worte der Premierministerin Jacinda Ardern für sich beanspruchen: „They are us“, gemeint sind damit die Bergziegen.

Dass die Tahr Foundation mit diesen Geschmacklosigkeiten Erfolg vor Gericht haben wird, ist zweifelhaft. In der Bevölkerung sind solche populistischen Bestrebungen allerdings beliebt. Wie eine künftige Regierung nach der Wahl mit den Interessen der einflussreichen Jagdlobby umgehen wird, ist eine spannende Frage.

(Jenny Menzel)

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