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Gerichtsprozess gegen Christchurch-Attentäter hat begonnen

Am 24. August begann in Neuseeland der Prozess gegen den Mann, der am 15. März 2019 in Christchurch insgesamt 51 Menschen bei ihrem Gottesdienst ermordete. Die ganze Welt schaute zu, als der gebürtige Australier bei seinem Terrorfeldzug in der Al Noor Moschee und der Moschee im Stadtteil Linwood 51 Menschen erschoss und Dutzende mehr verletzte.

Der vorbildliche Umgang Neuseelands mit dem Terrorattentat bestimmte das Nachrichtengeschehen weltweit. In der Folge des Attentats revidierte das Land sein Waffengesetz, tausende Neuseeländer gaben freiwillig ihre halbautomatischen Waffen ab.

Der Gerichtsprozess gegen den Täter, den Premierministerin Jacinda Ardern bewusst nicht öffentlich beim Namen nennen wollte, wurde mit Spannung erwartet. Einige der Überlebenden werden ihren Angreifer hier zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Die erste Überraschung war, dass sich der 29-jährige Attentäter schon im Vorfeld des Prozesses als schuldig bekannte. Dies erspart den Opfern einen langwierigen und schmerzhaften Gerichtsprozess. Es wird erwartet, dass der gesamte Prozess nur etwa vier Tage dauern wird.

Die Art des Verbrechens und die Umstände der Corona-Krise machen den Prozess um das Christchurch-Attentat doppelt ungewöhnlich. Trotzdem folgt die viertägige Anhörung den üblichen Regeln. Sie begann mit der Darlegung der Tat, die angesichts der Zahl der einzelnen Verbrechen sehr zeitaufwendig war. Dem Attentäter wird Mord in 51 Fällen, versuchter Mord in 40 Fällen und Terrorismus vorgeworfen.

Als nächstes dürfen die 66 Opfer persönlich oder durch eine Vermittlungsperson ihre Erfahrungen bei dem Ereignis schildern; dies wird einige Tage dauern. Es kam dabei bereits zu einigen emotionalen Szenen.

Der Attentäter selbst hat sich überraschend entschieden, sich im Prozess selbst zu verteidigen. Der Richter erklärte bereits, dass der Angeklagte sich zwar verteidigen dürfe. Man werde aber definitiv verhindern, dass er die Verhandlung als Plattform benutze, um seine extremistische Ideologie zu verbreiten. Die nationalen Nachrichtenagenturen haben sich bereit erklärt, dies zu unterstützen.

Eine Live-Berichterstattung vom Prozess wird es nicht geben: Pressevertreter dürfen ihre Berichte nur während der Mittagspausen und am Ende der Verhandlungstage absenden. Weder das Live-Video, das der Attentäter bei seinem Angriff aufgenommen hatte, noch das damals von ihm veröffentlichte Manifest über seine „White Supremacy“-Ansichten dürfen erneut in die Presse kommen, hat der Haupt-Datenschützer Neuseelands entschieden. Der Richter hat angekündigt, Presseberichte unter Umständen zensieren zu wollen.

Auch die Corona-Einschränkungen haben einige Anpassungen des Gerichtsprozesses notwendig gemacht. Die Zahl der Prozessbeobachter ist auf 230 beschränkt, im Hauptgerichtssaal dürfen nur 35 der Opfer und zehn Journalisten anwesend sein. Die anderen Opfer, Pressevertreter und zwölf Mitglieder der Öffentlichkeit sitzen in sieben angrenzenden Räumen, wo der Prozess via Livestream übertragen wird. Die Verhandlung wird in acht Sprachen übersetzt, da die Opfer vielen verschiedenen Nationalitäten angehören.

Die Regierung hat “beschränkte Ausnahmen” für 47 Opfer erlassen, die nach Neuseeland einreisen durften, um dem Gerichtsprozess persönlich beizuwohnen. Internationale Journalisten durften nicht nach Neuseeland einreisen. Sie können die Verhandlung aber ebenfalls via Livestream verfolgen.

Mit Spannung erwartet die Öffentlichkeit nicht nur den weiteren Prozessverlauf, sondern auch das Urteil. Die Todesstrafe wurde in Neuseeland 1961 abgeschafft. Eine lebenslängliche Strafe ist sehr wahrscheinlich, und mit ziemlicher Sicherheit wird dem Attentäter eine Haftentlassung nach zehn oder (für schwere Fälle) 17 Jahren erschwert werden.

Eine Verhängung mehrerer lebenslänglicher Strafen wie in den USA ist nach neuseeländischem Recht zwar unmöglich, aber Brenton Tarrant könnte der erste Verurteilte werden, dem offiziell die Möglichkeit einer Entlassung verwehrt wird.

(Jenny Menzel) Bild-Credit: Lomita, CC-BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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